Eine Recherche von Felix Knoche

Ausbildung, Bildung, Entwicklung, Charakterentwicklung, Körper und Geist. Etwas, das den Menschen selbst entwickeln, entpuppen lässt. Ausbildung, nicht unbedingt nachweisbar in Form von Zeugnissen auf Papier, sondern persönliches Glück finden. Ich dachte schnell an Kampfsportarten, die Körper und Geist formen sollen, eine Ideologie vermittelt, den Mensch persönlich stärkt und formt.

Nachdem ich auf der VIENNALE in Wien einen berührenden Dokumentarfilm über Kinder mit Behinderungen in Integrationsschulen gesehen habe, wusste ich, dass ich "Ausbildung" mit Kindern als Protagonisten erzählen will.

Ich bin 10 Jahre alt und ich will Ninja werden!Karate, Judo, Boxen und Wrestling war schon die richtige Richtung, aber etwas "Magisches" fehlte mir dabei. "Ich bin 10 Jahre alt und ich will Ninja werden" schoss mir durch den Kopf. Ein Portrait über ein Kind, das Ninja werden will! Ich recherchierte und fand heraus das Ninjutsu, auch Bujinkan genannt, die Kampfkunst der Ninja aus dem feudalen Japan ist. Ninja-Familien entwickelten unterschiedliche Stile, die von klein auf geübt, und innerhalb der Familie weitergegeben wurden. Sie passten sich ihrer Umgebung an und verwandten spezielle Waffen für ihren Kampf. Zudem kannte jeder Ninja die Vitalpunkte des menschlichen Körpers, wodurch es u.a. möglich war, sich gegen einen körperlich überlegenen Gegner mit wenigen gezielten Schlägen zu verteidigen.

In Berlin existiert ein dutzend sogenannter Dojos, Übungshallen, in den japanische Kampfkünste trainiert werden. Ich stellte Anfragen mit Erklärung meines Anliegens. Spärliche Antworten. Ein Rückruf!

Peter-und-SimoneSIMONE MELCHER , Leiterin des "Bujinkan Dai-Kazoku Dojo", "Das Training fängt in zwei Stunden an" sagt sie. Ich fuhr sofort los. Ich konnte die letzte viertel Stunde Trainingszeit nutzen, um mir eine Bild von den Kindern zu machen, "meinen" Ninja zu finden. Ich wusste, dass ich am richtigen Ort war. Es musste jemand sein, bei dem ich das Gefühl hatte, dass er/sie schon reif genug war, um auch etwas mit der ideologischen Seite des Ninjutsu etwas anfangen zu können. KILIAN (13) schien mir der Richtige. Leider verlief die Anfrage im Sand. Ich musste umdisponieren. Eine Mischung finden zwischen meinem erklärten Ziel und dem was an Energie vorhanden war. Ich dachte, witzig, dieser Gedanke des mit dem "Gegner" arbeiten hatte etwas von dem was ich gerade vor mir sah: 10 kleine und grössere Ninjutsu Schüler, nicht einer. Also öffnete ich meinen Blick. Das Dojo selbst, dieses Wesen mit all seinen Mitgliedern soll Inhalt der Dokumentation sein. Steuern und Steuern lassen. Ich fragte Simone, ob sie, als Leiterin bereit wäre, ein persönliches Interview zu machen, für ein Interview im Dojo war Simone gerne bereit.

technikenIch kam, diesmal rechtzeitig, zu einem zweiten Training. Ich durfte vom Rande der Trainingshalle Fotos vom Training schießen. Danach hatten wir eine Interview-Runde mit Simone, PETER (26), Kilian (13), seiner Schwester BERENICE (9) und Peters Mutter. Ich erfuhr einiges über persönliche Hintergründe und Motivationen der Einzelnen, Ninjutsu zu praktizieren. Simone hatte schon früh mit Kampfsport in der DDR angefangen, hatte Wettkämpfe bestritten, kam von 10 Jahren zum Ninjutsu. Seit einigen Jahren hat sie schmerzhaftes Rheuma, kann daher selbst nicht alle Übungen vorzeigen, Peter hilft da aus. Die große Freude, ihre Philosophie und sportliche Leidenschaft an die Kinder weiter zu geben, ist jedoch um ein vielfaches stärker als ihr Handicap. Peter kam zum Ninjutsu, weil er in der Schule immer gemobbt wurde. Er wurde selbstbewusster und wehrte sich. Einmal. Seitdem hatte Peter das Mobbing im Griff. Kilian und seine Schwester Berenice sind schon seit 2 Jahren dabei, unterstützen Simone. Sie Verantwortung für "Kleinere" macht sie stolz, es macht ihnen Spass, sie fühlen sich gut aufgehoben hier.

trainingIch würde über einige Monate hinweg das Dojo zu Trainings- und Seminar-Zeiten besuchen, eventuell selbst Ninjutsu Schüler werden, um so auf spielerische Weise ein Vertrauen zu den Mitgliedern zu gewinnen. Nach und nach Einblicke in die persönlichen Welten der Einzelnen. Unterschiedliche Charaktere, Körper, Geschichten, was sich unmittelbar auf ihre höchstpersönliche Art Ninjutsu auszuüben auswirkt. Der stark ausgeprägte Gemeinschaftssinn, alle trainieren mit allen, faszinierte mich. "Gross" und "Klein", respektvoll, spielerisch. Simone schreitet ein bei Regelverstoß: "10" sagt sie, Liegestütze sind gemeint.

Immense Energie steckt in uns allen, sie muss nur richtig gelenkt, kanalisiert werden - dann kann sie viel Gutes bewirken. Wenn sie keine Richtung hat, fährt sie ins Leere, verpufft, oder kann sich nach Innen richten und so zerstörerisch wirken. Vertrauen in den eigenen Willen, lernen ihm mutig zu folgen, sich respektieren in seinen Wünschen. Sich selbst befreien, dann kann man andere unterstützen in ihrer Selbstfindung.